Schalom chaverim!

Mit Sicherheit den spannendsten Sonntag seit Langem habe ich im Februar in Jerusalem verbracht.

Wir waren zu viert, drei Freundinnen und ich, die sich gemeinsam auf die Israelreise der Frauengemeinschaft begaben, die Katharina Hauer und Resi Plankl so glorreich ausgeheckt hatten. Und nach Wüstenwanderung, Beduinencamp, Felsenfestung und Totem Meer – jeweils selbst echten Highlights – war es am Sonntag so weit: Unser Tag in Jerusalem.

Sonntag in Jerusalem: Blick vom Österreichischen Hospiz
Sonntag in Jerusalem: Blick vom Österreichischen Hospiz

Er begann mit einem Geburtstagsständchen für Heike (mit e), führte uns über die Klagemauer und den Tempelberg ins Österreichische Pilger-Hospiz zu unserem Sonntagsgottesdienst. Von der Grabeskirche ging es dann über die Via Dolorosa und nach einem Mittagessen auf die Hand ins Verkehrsgewimmel nach Bethlehem, wo uns ein palästinensischer Guide die Stadt erklärte und die Geburtskirche zeigte. Ein volles Programm also.

Und ebenso vielfältig waren die Eindrücke. Direkt über der Klagemauer liegt der Tempelberg mit der goldenen Kuppel des Felsendoms und – noch bedeutender – der Al-Aksa-Moschee, dem drittwichtigsten heiligen Ort der Moslems. Die Zugänge zur Klagemauer und zum Tempelberg liegen unmittelbar nebeneinander, an beiden wird streng kontrolliert, die Warteschlangen sind nur durch ein hüfthohes Gitter getrennt, man muss also aufpassen, dass man nicht die falsche erwischt und dann in der falschen Konfession landet.

Auf der Dachterrasse des österreichischen Gästehauses kann man spannende Videos machen: Man zoomt ganz nah auf den Kirchturm einer christlichen Kirche, schwenkt dann langsam ein Stück zur nächsten Synagoge und hat als Geräuschkulisse aus fünf verschiedenen Richtungen den Gebetsruf der Muezzine.

Die Gretchenfrage, die dieser Pfarrbrief ja indirekt stellt, beantwortet sich in Jerusalem von allein: Man spürt ein großes Verlangen nach Glauben. Hier sucht jeder etwas, möchte auf den Spuren seiner Religion wandeln. So viele Konfessionen, Nationalitäten, politische und wirtschaftliche Interessen, Festtage, Sprachen, und das über all die Jahrhunderte hinweg: Das kann nur Chaos geben. Und doch ist diese Unbedingtheit anrührend.

Die Grabeskirche ist Sinnbild dieser Konfusion: Immer wieder abgerissen und überbaut. Katholiken, Orthodoxe und Armenier zelebrieren im Schichtbetrieb. Unsere Reiseleiterin Haike (mit a) sagt, je mehr man über diese Kirche weiß, desto weniger versteht man. Und so stelle ich mich an, wo es offensichtlich etwas zu sehen gibt, ohne zu wissen, was mich da erwartet, die Menge spült mich vorwärts, ich knie irgendwo, und schon ist die Zeit um, ich muss wieder zum Treffpunkt, hetze hinunter – und da geschieht das Unerwartete: Die Tür ist zu, der Vorplatz wird geräumt. Angeblich oder tatsächlich ist ein herrenloser Rucksack gefunden worden. So bleiben wir zwangsweise eine halbe Stunde länger in der Kirche. Mir ist klar, dass jede diese Situation anders erlebt hat. Einige empfanden diese Zwangspause als bedrückend. Für mich war es geschenkte Zeit, die ich nutzen konnte, um mir die Kirche noch einmal in aller Ruhe anzusehen und zu begreifen, wo ich da gekniet hatte.

In der Via Dolorosa, zwischen Falafelständen, Souvenirläden und Militärjeeps, schieben sich die rosenkranzbetenden Polen an den laut singenden Italienern vorbei, dazwischen versuchen ein paar verschreckte Deutsche etwas Stille und Andacht zu erhaschen, bis einen das nächste nasse Regencape in die klamme Realität zurückholt, zwischen orthodoxe Kopten und ultraorthodoxe Juden.

Und dann plötzlich, in all dem Gewirr und Gedränge, sind sie dann doch da, die ganz intimen Momente. Nur ich und Er. An der Klagemauer, im strömenden Regen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, in der Grabeskirche, allein unter dem Altar kniend – nur sieben Sekunden zwar, die anderen wollen ja auch, aber doch sieben Sekunden: Er und ich. Und dann später, in der Geburtskirche, in der Grotte, in der Joseph seine Vision hatte, sind wir plötzlich zu fünft übrig. Die Japaner, die eben noch den ganzen Raum gefüllt hatten, sind wie durch Zauberhand verschwunden, die nächste Gruppe noch nicht da. Wir sehen uns an und beginnen zu singen: Zu Bethlehem geboren. Und freuen uns über dieses intensive gemeinsame Erlebnis.

Modenschau: Ins Kloster nur mit Rock und Kopfbedeckung (Bild: Barbara Tippl)
Modenschau: Ins Kloster nur mit Rock und Kopfbedeckung

Und bevor wir dann mit unserem laut singenden Busfahrer Apollo weiterzogen nach Jericho – besonders in Erinnerung ist mir unsere Modenschau vor dem Kloster und die Taufstelle im Jordan –, an den See Genezareth – wo wir nach einer Bootsfahrt und einigen beeindruckenden Kirchen einen Petersfisch teilen durften –, auf die Golanhöhen mit unserer Wanderung an den Jordanquellen und späterer Weinverkostung; bevor uns, wie gesagt, noch so viel anderes Schönes erwartete, flüchteten wir an besagtem Abend, nur noch in kleinerer Runde, vor einem Schneegestöber in die überdachten Markthallen. Wir zwängten uns dicht vor einen Heizpilz und ließen den Abend bei Bier und Livemusik ausklingen. Der Wirt spendierte allen seinen Gästen Kuchen und Schnaps, denn auch er hatte an jenem Tag Geburtstag.

Uli Eichberger
Fotos: Franziska Kapfinger (nur die Modenschau ist von Barbara Tippl)

(Dieser Beitrag ist zuerst im Sommer-Pfarrbrief 2020 erschienen, für die Online-Publikation wurde er um zusätzliches Bildmaterial ergänzt.)

Veröffentlicht in Glauben, KFG Zaisering-Leonhardspfunzen, Zaisering.

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