Mk 9,30–37

25. Sonntag im Jahreskreis – hl. Emmeram

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Sprichwort „Wo Menschen zusammenleben, da menschelt es“ erweist sich im heutigen Evangelium wieder einmal als richtig. Jesus spricht da mit seinen Jüngern über sein bevorstehendes Leiden, über seinen Tod. Doch, wie es heißt, sie verstanden nicht, was Jesus ihnen sagen wollte; stattdessen wenden sie sich einer anderen Frage zu, der Frage: Wer ist denn der Größte unter uns? Ja, die Jünger fangen sogar zu streiten an und streiten sich darüber: Wer ist denn nun der Größte unter uns?

In diesem Zusammenhang steht auch das, was wir heute in der Lesung gehört haben, der Lesung aus dem Jakobus-Brief (3,16–18.4,1–3). Auch da wird eine Frage aufgeworfen, die Frage: Woher kommen denn die Kriege? Woher kommen denn die Streitigkeiten unter den Menschen? Der Jakobus-Brief gibt hier eine ganz interessante Antwort. Da heißt es: Krieg und Streit haben ihre Ursache im Kampf der menschlichen Leidenschaften und haben deswegen ihren Ursprung im Inneren des Menschen. Was hier im Jakobus-Brief gesagt wird, das wird durch die moderne Psychologie bestätigt, die dem Machttrieb, dem Streben, über andere zu herrschen, eine ganz wichtige Rolle zuschreibt. Für den Psychologen Alfred Adler, den Begründer der sogenannten Individualpsychologie, ist der Machttrieb sogar der wichtigste Motor menschlichen Handelns.

Die Psychologen sehen dieses Streben nach Macht, nach Rang, jedoch nicht nur negativ, als die Ursache von Streit und Krieg. Für sie dient der Machttrieb auch der Arterhaltung und ist in der Natur deswegen angelegt und grundgelegt. Dazu verweisen die Verhaltensforscher auch auf die höher entwickelten Tiere, die in Gruppen leben. Auch dort gibt es in jeder Gruppe eine Rangordnung. Ein älteres, erfahrenes Tier – das sogenannte Alpha-Tier – steht an der Spitze der Gruppe. Das dient dem Überleben der Gruppe und damit auch dem Überleben der Art. Denn die besonders erfahrenen Tiere haben eben die Fähigkeit, die Gruppe zu beschützen und für gute Futterplätze zu sorgen. Sie übernehmen also Verantwortung für die Gruppe und werden von daher auch anerkannt.

Und genau das Gleiche spielt sich auch bei uns Menschen ab. Wir wählen uns zum Beispiel eine Regierung, die eben dann die Aufgabe hat, sich um das Wohl des Volkes zu sorgen. Eine Regierung findet so lange Anerkennung, wie ihr das gelingt, diese Aufgabe auch zu erfüllen. Das ist eine Gesetzmäßigkeit in der Politik. Sie hat durchaus Sinn und ist für das Überleben eines Staatswesens auch notwendig.

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Ja, so ist, liebe Schwestern und Brüder, Macht zunächst einmal nichts Negatives – ja, wenn sie sich in den Dienst anderer Menschen stellt. Problematisch wird es dann – und das können wir, denke ich, auch nachvollziehen –, wenn Macht missbraucht wird, wenn Machtausübung zur Willkürherrschaft wird. Und dafür gibt es leider auch in der Geschichte immer wieder ganz dramatische Beispiele. Und genau darauf möchte Jesus auch hinweisen, wenn er sagt:

„Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“

Hier wird deutlich, dass der, der Macht ausübt, das nicht nur aus eigenem Vorteil tun soll, sondern eben zum Wohle der Allgemeinheit, zum Wohl der Menschen. Jesus hebt hervor, dass Machtausübung immer einen Dienstcharakter hat. Wer Macht ausübt – etwa in Form eines Amtes –, der steht im Dienst anderer Menschen; er übernimmt Verantwortung für andere Menschen.

So lautet denn die Grundbotschaft des heutigen Evangeliums: Man soll nicht an die erste Stelle streben, um zu herrschen, sondern man soll eine Aufgabe übernehmen und so eben für die Allgemeinheit etwas Gutes tun. Ja, diese Regel, die Jesus da aufstellt, sie gilt für alle Lebensbereiche. Sie gilt vor allem auch für die Kirche. Auch hier soll das Amt da sein, um für andere da zu sein – in der Gemeinde, in einem Bistum oder auch in der Weltkirche.

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Der hl. Emmeram in der Vorhalle von St. Emmeram in Regensburg

Macht ist Verantwortung: Der hl. Emmeram in der Vorhalle von St. Emmeram in Regensburg

Wir feiern heute auch den hl. Emmeram. Wir denken noch nach so langer Zeit an ihn, weil er sein Bischofsamt genau in dieser Weise ausgeübt hat – eben in Verantwortung für seine Menschen, die ihm anvertraut waren. Und wir feiern ja in vierzehn Tagen Erntedank, wo wir für die Ernte des Jahres danken. Heute möchte ich einmal die Gelegenheit nutzen, um allen zu danken, die sich in unserem Pfarrverband, in unserer Pfarrgemeinde einsetzen für das Wohl anderer. Und ich bin dankbar, dass es so viele Menschen gibt, die sich durch kleinere Dienste oder größere Dienste einsetzen für andere. Es spielte keine tragende Rolle, was jemand macht, sondern entscheidend ist, dass es so viele Menschen gibt, die eben an das Gemeinwohl denken, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, die ihre Zeit dafür verwenden, ihre Freizeit, ihre Energie, ihre Kreativität und ihre Ideen. Und das erfüllt mich ganz persönlich auch mit tiefer Dankbarkeit und ich möchte eben die Gelegenheit nutzen, dafür auch an dieser Stelle ein Vergelt’s Gott! zu sagen.

Guido Seidenberger

 

Veröffentlicht in Glauben, Vogtareuth.