Wortmeldung

Zu viel, zu wenig und nicht das, was wir meinen

FĂŒr den 11. MĂ€rz lud die Domberg-Akademie zu einer Online-Konferenz ein. Das Thema: „Missbrauch in meiner Kirche – Anfragen und Konsequenzen. FĂŒr ehrenamtlich Engagierte in den Pfarrgemeinden“. Es sollte sich zeigen, dass in diesem Titel ein dickes MissverstĂ€ndnis steckt.

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Moderiert wurde der Abend von Domberg-Direktorin Dr. Claudia Pfrang. Sie stellte uns zunĂ€chst Generalvikar Christoph Klingan und Amtschefin Dr. Stephanie Herrmann vor. Die beiden ĂŒbernahmen es, im ersten Teil das Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl vorzustellen und von den entsprechenden Maßnahmen in der Erzdiözese MĂŒnchen und Freising zu berichten. Dazu gehören unabhĂ€ngige Ansprechpersonen ebenso wie die neue Anlauf- und Beratungsstelle fĂŒr Betroffene von sexuellem Missbrauch, aber auch der Betroffenenbeirat und die Thematisierung in der priesterlichen Aus- und Fortbildung. In diesen Punkten hat sich in der Tat einiges getan, zum Teil bereits seit 2010.

Anfang Februar wurde die Nummer der neuen Anlauf- und Beratungsstelle großflĂ€chig bekannt gegeben.

Mit den Leitfragen „Was macht das Gutachten mit mir? Welche Auswirkungen hat es auf meine Arbeit vor Ort?“ wurden wir dann in die sogenannten Breakout-Rooms geschickt, also in Kleingruppen von vermutlich drei oder vier Personen. Da waren wir zuerst etwas ratlos. Niemand hatte Lust darauf, dass wir einander versichern, wie empört wir sind. Und nachdem die anschließende Plenumsdiskussion ĂŒber die Chat-Leiste lief, aus der die Moderation Fragen an Klingan und Dr. Hermann ĂŒbergab, wurde daraus auch keine rechte Diskussion, sondern ein Frage-Antwort-Spiel, dem anzumerken war, dass wir lieber diskutiert hĂ€tten. Ich kann verstehen, dass danach etliche Leute ausgestiegen sind. Gelegenheit dazu war in der Pause.

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Im zweiten Teil wurde Dr. Barbara Haslbeck vorgestellt, die mit den „Auswirkungen von Trauma auf Individuum und System“ ansetzte. Das war insofern interessant und sinnvoll, weil sie damit zuerst den Blick gerade rĂŒckte: Wie es uns geht, wenn wir den Missbrauchsbericht vorgelegt bekommen, ist nichts gegenĂŒber der Frage, wie es den Opfern bzw. Betroffenen (diese Wortwahl empfiehlt Dr. Haslbeck) geht.

Nötig wĂ€ren „Reflexions- und ErzĂ€hlrĂ€ume“. Damit ist gemeint, dass Missbrauch ĂŒberhaupt zur Sprache kommen kann, dass Betroffene gehört, gesehen werden; das reicht von kleinen, großen, eigens hergestellten Nischen und Foren bis hin zu einer allgemein freundlich-offenen Kirche ohne AutoritĂ€tshörigkeit, MachtgefĂ€lle, Angstmacherei, Nötigung und Schweigepflicht, in der die Frage Raum hat: „Was hast du denn? Du schaust so komisch.“ Oder, wie es unser Jahresmotto im Pfarrverband Prutting-Vogtareuth sagt: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Denn, auch dies betonte Dr. Haslbeck, Missbrauchsopfer sind keineswegs automatisch „draußen“ (werden aber oft so behandelt); sie hĂ€tten vielmehr oft gerne an der Gemeinschaft im Glauben teil, finden das aber ebenso oft sehr schwierig.

Dr. Haslbeck skizzierte typische Reaktionen auf Missbrauch, sowohl aufseiten der Opfer als auch aufseiten der Institution Kirche – und warnte davor, Institutionen mit Menschen zu verwechseln (wie die Rede von der „traumatisierten Institution“ es gefĂ€hrlich nahelegt). Wer zum Umgang mit Betroffenen mehr wissen will, was ratsam ist, beginnt am besten auf www.gottes-suche.de – die ohnehin knappen AusfĂŒhrungen Dr. Haslbecks hier noch einmal verkĂŒrzt wiederzugeben, wĂ€re nicht gut.

Eines vielleicht doch, weil es im Weiteren noch wichtig wird, wenn auch anders, als es gedacht war. Betroffene mĂŒssen in der Regel GefĂŒhle „abspalten“, einfach weil diese GefĂŒhle auf Dauer gar nicht auszuhalten sind. Zugleich ist das Trauma aber stets versteckt prĂ€sent und kann unvermutet wie neu wiederkehren. Daraus ergibt sich eine Polarisierung: Man fĂŒhlt einerseits „zu wenig“, andererseits „zu viel“. Das sind, so Dr. Haslbeck, „zwei Seiten einer Medaille“.

Nun ist aufseiten der Institution Kirche ein PhĂ€nomen zu beobachten, das sich ebenfalls unter diesen beiden Aspekten beschreiben lĂ€sst, zu wenig und zu viel: die Aufspreizung in Gar-nicht-wissen-wollen einerseits und aufgeregten Aktionismus andererseits. Beides, so Dr. Haslbeck, sei wenig hilfreich.

Insgesamt gab uns Dr. Haslbeck vier praktische SĂ€tze mit auf den Weg:

  1. Ungleichzeitigkeit macht ungeduldig.
  2. Klischees machen es schwer.
  3. Überdruss, Scham und Erschöpfung gehören dazu.
  4. Diese Situation ist ein Dilemma: Wie kann ich weiter zu diesem Verein gehören?

In die Kleingruppen entlassen wurden wir also mit dieser Frage: „Wie ist eine Position zwischen ‚zu wenig‘ und ‚zu viel‘ zu finden?“

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Es lohnt sich, an dieser Stelle kurz innezuhalten und einen Blick zurĂŒck zu werfen. Wir haben nun erfahren, dass die Leitfrage, wie es uns mit dem Missbrauchsgutachten geht, eigentlich Quatsch ist; die richtige Frage wĂ€re: Wie geht es den Missbrauchten? Und wir haben außerdem erfahren, dass unsere Reaktion sowieso vermutlich nicht das richtige Maß hat. Das ist natĂŒrlich Ă€rgerlich.

Entsprechend angespitzt gingen wir diesmal in die Kleingruppen, und ich hatte das GlĂŒck, diesmal an Werner Attenberger und Sr. Astrid zu geraten – ein GesprĂ€ch, das am liebsten noch lĂ€nger hĂ€tte dauern dĂŒrfen und das ich jederzeit gern fortsetzen wĂŒrde. Als erste Erkenntnis nehme ich mit: Klosterschwestern sind doch die Besten. Es gibt da eine ganz aufgeweckte Sorte, bei denen soll man sich bei jeder Gelegenheit Rat holen und genau zuhören. Vielleicht, weil sie in einer Welt leben, in der sie den Kontrast zwischen ihnen selbst und dem Herrn, der kommt, um zu wandeln und die Beichte zu hören, gestochen scharf empfinden. Und sie haben viel Zeit fĂŒr Gebet und Gedanken.

Hier habe ich erfahren, dass es auch so etwas wie „geistlichen Missbrauch“ gibt, nĂ€mlich wenn sich Dritte allzu sehr fĂŒr den Weg einer anderen zum Seelenheil zustĂ€ndig fĂŒhlen. Hier kam auch zur Sprache, dass die Warnung vor „zu viel“ gerade in den Pfarreien irritiert, die jetzt – wie unter der FederfĂŒhrung von Schwabering – an der Zukunft der Kirche arbeiten. Und dass man im Gegenteil von der Amtskirche derzeit gar nicht „zu viel“ fordern darf, wenn man will, dass am Ende ĂŒberhaupt etwas davon ĂŒbrig bleibt.

Wir waren da sehr, sehr schnell bei der Frage, was wir vor Ort tun können, bei der Frauenordination, bei der Frage, ob Gemeinde-/Pastoralreferentinnen bzw. -referenten predigen dĂŒrfen etc. Angesichts der Tatsache, dass MĂŒnchen immer weniger Hirten ins Feld schicken kann und insofern immer „weiter weg“ sein wird, werden wir uns immer mehr selbst helfen können mĂŒssen. Also machen, statt warten. Es dĂŒrfte ohnehin bereits mehr möglich sein, als wir vermuten – was daran liegen könnte, dass das Vaticanum II in weiten Teilen verschĂŒttet ist. Am 5. April haben wir im Pfarrverband Gelegenheit, an dieser Stelle einzuhaken, wenn Andreas R. Batlogg SJ zum Vortrag ins Pruttinger Pfarrheim kommt.

Ich erinnere auch das Bild eines weitlĂ€ufigen Pfarrverbands, in dem der Pfarrer nur mehr alle drei bis sechs Monate vorbeischaut. Das werden, und zwar bald – eher morgen als ĂŒbermorgen – Gemeinden sein, die Lösungen gefunden haben mĂŒssen, fĂŒr Gottesdienste, fĂŒr Taufen, fĂŒr das gesamte Glaubensleben. Ab und zu kommt vielleicht ein Brief an die Gemeinden im Chiemgau. – Diese Kleingruppe war jedenfalls durchaus nicht gewillt, sich ausbremsen zu lassen. Das GesprĂ€ch ging, bis uns die Technik zurĂŒck ins Plenum warf.

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Das Unbehagen an der Warnung vor zu viel und zu wenig kam dann auch im Plenum zur Sprache, das diesmal – die Runde war in der Zwischenzeit deutlich geschrumpft – tatsĂ€chlich Wortmeldungen zuließ: Dass wir auf Pfarreiebene gerade dabei sind, nach einer Phase der Aufgeregtheit zu sammeln, zu sichten, wie wir uns eine Kirche wĂŒnschen, in der Missbrauch keinen Platz hat, und dass diese Arbeit bereits ihren Ausdruck in einem Positionspapier gefunden hat. Im Dialog mit Dr. Haslbeck, die ausdrĂŒcklich darum bat, die Betroffenen nicht fĂŒr eigene Zwecke zu instrumentalisieren, stellte sich heraus, dass wir den Veranstaltungstitel „Missbrauch in meiner Kirche“ offenbar unterschiedlich verstanden hatten. Gedacht war wohl an Ehrenamtliche mit konkreten MissbrauchsfĂ€llen in ihrer Gemeinde.

Offenbar weniger gedacht war an dieses: Dass wir in den Gemeinden ausbaden, dass das Ansehen von Institution und geweihten MĂ€nnern wichtiger ist als die körperliche Unversehrtheit der ihnen anvertrauten Menschen – vom Seelenheil ganz zu schweigen. Dass wir das als Tritt in die Kniekehlen empfinden. Oder, wie es das Statement des Pfarrgemeinderats Schwabering formuliert:„Durch die Duldung, das Drumherumgerede, das Totschweigen schwerster Vergehen haben die dafĂŒr Verantwortlichen der katholischen Kirche uns an der Basis den Boden entzogen.“

Das ist eine unmittelbare Auswirkung auf die Pfarreien, auf die Leute, die Gruppenstunden fĂŒr Kommunionkinder machen, die ministrieren, die ihren Kindern die Entscheidung ĂŒber die Firmung vorlegen, die als Caritas an die HaustĂŒr gehen, die ihren VerkĂŒndigungsauftrag ernst nehmen und am Liebesgebot verzweifeln, die gerne so viel dafĂŒr tun, dass Menschen zu Gott kommen. Von Instrumentalisierung kann hier keine Rede sein. Dass Missbrauch geschieht, haben wir immer gewusst. Was wir nicht gewusst haben, ist, dass ausnahmslos alle Verantwortlichen diesen Missbrauch gedeckt haben. Erinnert sei an die Frage nach der Vorstellung des Gutachtens, die in der Videoaufzeichnung ab 2:13:24 dokumentiert ist; es ist die „Frage nach dem berĂŒhmten einen Gerechten – gab’s so was?“ Die pechschwarze Antwort: Nein. „Ist mir nicht in Erinnerung, und es wĂ€re mir in Erinnerung, wenn es den gegeben hĂ€tte“, sagt Dr. Marion Westpfahl.

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Christoph Klingan und Dr. Stephanie Herrmann haben an diesem Abend eindringlich und in meinen Augen ehrlich darum gebeten, dass wir ihnen eine Chance geben. Dass es die Amtskirche noch einmal versuchen darf. Warum nicht? Sie soll bitte tun, was jetzt anstĂ€ndig und ihre Pflicht ist; Leid lindern, wo es möglich ist, entschĂ€digen, Behandlungskosten ĂŒbernehmen, Instrumente der PrĂ€vention schaffen, Abbitte leisten etc.

Wie es uns gelingt, als Kirche unseren Glauben zu leben, wollen wir aber doch lieber selbst ausprobieren.

Florian Eichberger

PS: Zwei Filmhinweise seien noch ergĂ€nzt, der eine auf „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ in der Arte-Mediathek, der andere auf den Filmabend am 29. April im Schwaberinger Pfarrheim – auch dort wird es um das Thema Missbrauch gehen.

Veröffentlicht in Pfarrverband, Zukunft der Kirche.

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