Jes 52,13–53,12, Joh 18,1–40.19,1–42

Predigt zum Karfreitag

Liebe zum Karfreitagsgottesdienst versammelte Pfarrgemeinde!

Der Karfreitag trifft im heurigen Jahr auf das Hochfest Mariä Verkündigung. Nachdem an den Kartagen und in der Osterwoche alle Feste hintenanstehen müssen, wird das Fest liturgisch am Montag, dem 4. April nachgefeiert. Das ändert aber nichts daran, dass heute in neun Monaten Weihnachten ist.

Im heurigen Jahr fallen also die Feier der Ankündigung des Eintrittes Gottes in diese Welt und das vermeintliche Scheitern Gottes in dieser Welt auf einen Tag zusammen. Gott konnte in diese Welt Einzug halten, weil Maria in Demut zum Willen Gottes ihr vorbehaltloses JA gesagt hat. Gott konnte diese Welt erlösen, weil Jesus in Demut die Schuld der Welt auf sich geladen und mit seinem eigenen Leben gesühnt hat.

„Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Mit diesem unscheinbaren Zugeständnis hat Maria sich dem Willen Gottes gefügt. Mit ihrem JA hat sie ihre Lebenspläne durchkreuzen lassen.

„Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken?“ Mit diesen Worten fordert Jesus den Petrus auf, der Erlösung der Menschheit nicht im Wege zu stehen, als dieser das Schwert zückt.

Mutter und Sohn nehmen die gleiche Grundhaltung ein. Sie fügen sich demütig dem göttlichen Willen: Maria, damit das Erlösungswerk beginnen kann, und Jesus, damit es zur Vollendung gelangt.

Der Prophet Jesaja charakterisiert diese Haltung mit den Worten, die wir in der ersten Lesung aus dem vierten Gottesknechtslied hörten: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, / aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, / und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, / so tat auch er seinen Mund nicht auf.“ Aber kann das wirklich der Wille eines allmächtigen Gottes sein: Ein unschuldig Verurteilter, der sich nicht wehrt, der sich wehrlos in die Hände seiner Feinde begibt, soll der Auserwählte Gottes – der Knecht Gottes – sein? Bei vielen kommt da ein innerer Widerstand hoch, eine innere Wut. Ist das nicht Duckmäusertum, eine falsche Unterwürfigkeit? Ist das nicht der personifizierte Ausdruck der Machtlosigkeit des Gottes, den wir doch als den Allmächtigen verehren.

Viele denken: Es kann doch nicht im Sinn Gottes liegen, dass sich sein Knecht alles gefallen lassen muss – damals nicht und heute auch nicht. Gott kann doch nicht einer sein, der sich unterwirft. War da nicht Petrus auf richtigeren Weg, als er mit dem Schwert dazwischenschlug?

Doch Gott ist eben anders. Das Lied vom Gottesknecht ist beileibe nicht ein Loblied auf eine feige Unterwürfigkeit und schon gar keine Aufforderung, alles kritiklos hinzunehmen. Es ist auch nicht eine Aufforderung, sich blind dem Willen anderer zu unterwerfen. Gott hat uns Menschen zur Freiheit erschaffen, er zwingt uns nichts auf und schon gar nicht seinen Willen. Jesus selbst bringt diese Haltung im Garten Gethsemane deutlich zum Ausdruck, wenn er den Vater anfleht, den Kelch vorübergehen zu lassen, aber in voller Freiheit sagt: Es soll dein Wille geschehen.

Auch hier steht das Handeln Jesu wieder in vollem Einklang mit dem Handeln der Gottesmutter. Das Erlösungswerk Gottes wäre gescheitert, wenn Maria ihre Lebenspläne nicht hätte durchkreuzen lassen, und es wäre gescheitert, wenn Jesus seine göttliche Macht ausgespielt hätte. Aber die Demut des Gottesknechtes ist keine angsterfüllte Demut, sondern eine souveräne freie Entscheidung. Und nur so konnte die Erlösung beginnen und auch vollendet werden.

Freiheit heißt aber gerade nicht, dass ein freier Mensch nichts hinnehmen darf. In Freiheit darf der Mensch alles annehmen, auch Ungerechtigkeiten. Gerade im Lied vom Gottesknecht wird deutlich, dass der Mensch in seiner freien Entscheidung so manche Ungerechtigkeit gegen sich erdulden muss, um sich den Zielen zu nähern.

Ein Beispiel hierfür hat Nelson Mandela, der schwarze Freiheitskämpfer Südafrikas, der Welt gegeben. Niemand wird wohl ernstlich behaupten, dass Mandela ein feiger und unterwürfiger Mensch war. Trotzdem hat er jahrelang die Ungerechtigkeiten der südafrikanischen Regierung in Geduld ertragen. Und am Schluss haben sich seine Geduld und seine Demut ausgezahlt.

Der im Jahr 1999 verstorbene englische Kardinal Basil Hume brachte es auf den Punkt:

„Ein anderes Wort für Demut ist Freiheit.“

Demut ist Freiheit! An Freiheit denken sicherlich wenige, wenn sie das Wort „Demut“ hören. Wir verbinden das Wort mit Unfreiheit und Unterwürfigkeit. Wirklich demütig kann aber nur sein, wer innerlich frei ist. Nur ein freier Mensch kann Ungerechtigkeiten auch ertragen, ohne zurückzuschlagen. Nur ein freier Mensch kann den Kreislauf von Unrecht und Vergeltung, von Vergeltung und Wiedervergeltung, von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen. Nur wer innerlich völlig frei ist, der kann auf Hass mit Liebe antworten.

Maria, die Gottesmutter, und Jesus, der göttliche Sohn, sind uns auf dem Weg der wahren Demut, der Geduld – ja, der wahren Freiheit – vorausgegangen. Jesus wird uns als der von Jesaja angekündigte Gottesknecht vorgestellt. Diese Grundhaltung wurde ihm wahrlich in die Wiege gelegt. Er war der freieste Mensch, den es je gab, und deshalb konnte er angstfrei den Weg der Demut gehen. Wegen dieser Freiheit konnte er in Geduld und Liebe die Ungerechtigkeiten seiner Gegner ertragen, deswegen konnte er am Kreuz sogar für seine Feinde beten.

Der Weg Jesu ist auch unser Weg. Wer Jesus nachfolgt, muss ihm auch auf dem Kreuzweg folgen. Gerade die derzeitigen Herausforderungen im Umgang mit den Menschen auf der Flucht zeigen uns, wie schwer es ist, es der Gottesmutter und Jesus gleichzutun. Es kann nicht Jesu Weg sein, die Außengrenzen Europas mit Metallzäunen und Stacheldraht oder sogar mit Mauern zu sichern, weil die dort zurückgehaltenen Menschen unsere Pläne durchkreuzen, weil sie doch nicht in unsere Gesellschaft passen. Die Christlichkeit des Abendlandes steht auf dem Prüfstand. Wir müssen uns zu Recht fragen lassen, ob das Abendland den Namen „christliches Abendland“ noch verdient.

Maria und Jesus sagten selbstlos JA zum göttlichen Willen, und deshalb können wir leben. Wenn wir NEIN sagen, gehen die Menschen zugrunde, die Menschen, die doch alle Hoffnung auf uns setzen. Wenn wir NEIN sagen, verlassen wir den von Gott vorgegebenen Weg der Demut. Es ist dunkel geworden im christlichen Europa. Es ist Karfreitag in Europa.

Der Weg Marias und der Weg Jesu waren Wege der Demut, und wir haben in der Nachfolge keine Wahl: Wir müssen auf diesem Weg bleiben. Gottes Wege sind oft Wege der Knechtschaft, aber Gottes Wege führen immer in die Freiheit – freilich nicht direkt, sondern über das Kreuz. Den Namen Christ verdienen wir nur, wenn wir auf den Weg des Herrn bleiben.

Auch wir können nur flehen, wie der Herr am Ölberg: Lass den Kelch an uns vorübergehen. Auch wir können nur voller Demut hinzufügen: Aber wenn DU willst, dass wir ihn trinken, dann geschehe dein Wille.

Wir können Gott den Herrn nur bitten: Wenn wir den Kelch trinken müssen, dann gib uns die Kraft, den Weg der Demut über das Kreuz zu gehen. Ohne deine Kraft würden wir sicher der Versuchung erliegen und nach einem Weg zu suchen, um uns am Kreuz vorbeizumogeln.

Hans Mair

Kategorie(n): Glauben, Vogtareuth.